Geschöpf, Gestalt, Wesen, Persönlichkeit - Sterne am Himmel

Sri Aurobindo (1872-1950)

Sri Aurobindo (1872–1950) war indischer Freiheitskämpfer, Philosoph, Dichter und spiritueller Lehrer. Sein Lebensweg führte ihn von einer britischen Eliteausbildung über revolutionäre Politik bis hin zu einer der einflussreichsten modernen spirituellen Philosophien: dem Integralen Yoga.

Kindheit & Ausbildung (1872–1893)

  • Wuchs in einer westlich orientierten, anglophilen Familie auf.

  • Besuchte eine christliche Schule in Darjeeling.

  • Mit sieben Jahren nach England geschickt: St. Paul’s School in London, später King's College, Cambridge.

  • Beherrschte mehrere europäische Sprachen und klassische Literatur.

  • Mitglied der „Cambridge Majlis“, einer politischen Diskussionsgruppe indischer Studenten.

 

Rückkehr nach Indien & politischer Aktivismus (1893–1910)

  • 1893 Rückkehr nach Indien; arbeitete im Fürstenstaat Baroda als Verwaltungsbeamter und Professor.

  • Beginn intensiver Studien indischer Sprachen, Kultur und Yoga.

  • Ab 1902 geheime Beteiligung an der Unabhängigkeitsbewegung; schrieb radikale Artikel für Indu Prakash, Bande Mataram und Yugantar.
  • Einer der ersten, die offen vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien forderten.

  • 1908 Verhaftung im Zusammenhang mit dem Alipore-Bombenfall; ein Jahr Untersuchungshaft.

  • Im Gefängnis tiefgreifende mystische Erfahrungen und spirituelle Wandlung; Visionen von Krishna und Vivekananda.

  • 1909 Freispruch; 1910 Rückzug aus der Politik und Flucht nach Pondicherry (damals französisch).

 

Spirituelle Phase in Pondicherry (1910–1950)

  • Vollständige Hinwendung zu Meditation, Yoga und spiritueller Forschung.

  • Entwicklung des Integralen Yoga, einer Synthese aus Vedanta, Tantra, Bhakti, Jnana und westlicher Philosophie.

  • Umfangreiche literarische Arbeit:

    • The Life Divine – philosophisches Hauptwerk

    • The Synthesis of Yoga – systematische Darstellung seiner Yoga-Praxis

    • Savitri – episches Gedicht von über 23.000 Versen

    • Kommentare zu Veden, Upanishaden und Gita

  • 1926 Gründung des Sri Aurobindo Ashram gemeinsam mit Mirra Alfassa („The Mother“).

  • Rückzug aus der Öffentlichkeit; lebte zurückgezogen, aber im intensiven Austausch mit Schülern über Briefe und Gespräche.

 

Tod und Vermächtnis

  • Starb am 5. Dezember 1950 im Alter von 78 Jahren in Pondicherry.

  • Hinterließ ein umfassendes Werk, das östliche und westliche Philosophie verbindet.

  • Seine Vision: eine spirituelle Evolution des Menschen hin zu einem „supramentalen“ Bewusstsein.

  • Auroville (gegründet 1968) ist von seinen Ideen inspiriert.

Zeitraum Ereignis
1872 Geburt in Kalkutta
1879 - 1893 Ausbildung in England (London, Cambridge)
1893 Rückkehr nach Indien, Arbeit in Baroda
1902 - 1910 Revolutionäre Aktivitäten, politische Schriften
1908 - 1909 Alipore-Gefängnis, spirituelle Erfahrungen
1910 Übersiedlung nach Pondicherry
1914 - 1921 Veröffentlichung von 'Arya' (philosophische Serie)
1926 Gründung des Sri Aurobindo Ashram
1950 Tod in Pondycherry

Seine Lehren

Sri Aurobindos zentrale Lehren kreisen um die Idee, dass Bewusstsein sich entwickelt – von Materie über Leben und Geist bis hin zu einer zukünftigen supramentalen Stufe. Seine „Integrale Yoga“-Philosophie zielt nicht auf Weltflucht, sondern auf die Verwandlung des gesamten Lebens in ein göttliches Dasein.

 

1. Integraler Yoga – Transformation statt Rückzug

  • Aurobindos spiritueller Weg ist ein Synthese-Yoga, der alle Ebenen des Menschen – Körper, Leben, Geist, Psyche – einbezieht.

  • Ziel ist nicht die Befreiung aus der Welt, sondern die Verwandlung der Welt durch höhere Bewusstseinskräfte.

  • Der Weg basiert auf Aspiration, Selbsthingabe und der Öffnung für das Wirken des höheren Bewusstseins (Supermind).

  • „All life is Yoga“ – jede Lebenssituation wird zum Feld spiritueller Entwicklung.

 

2. Evolution des Bewusstseins

  • Aurobindo interpretiert Evolution nicht nur biologisch, sondern spirituell.

  • Bewusstsein entfaltet sich stufenweise:

    • MaterieLebenGeistSupermind (zukünftige Stufe)

  • Der Mensch ist ein Übergangswesen, kein Endpunkt der Evolution.

  • Die nächste Stufe ist der supramentale Mensch (Gnostic Being), der Einheit, Wissen und Kraft harmonisch verkörpert.

 

3. Der Supermind (Supramentales Bewusstsein)

  • Der Supermind ist die Brücke zwischen dem Absoluten (Sat-Chit-Ananda) und der Welt der Unwissenheit.

  • Er integriert Gegensätze, heilt Spaltungen und bringt Wahrheit, Harmonie und Kraft in die Manifestation.
  • Die „supramentale Transformation“ ist der Schlüssel zur göttlichen Existenz auf Erden.

 

4. Die Rolle der Mutter (Mirra Alfassa)

  • Die Mutter ist Aurobindos spirituelle Partnerin und die dynamische Kraft seiner Vision.

  • Sie entwickelte die praktischen Methoden des Integralen Yoga und leitete den Ashram.

  • Ihre Betonung: Sincerity, Aspiration, Openness – innere Aufrichtigkeit als Grundlage jeder Transformation.

 

5. Auroville – Die Vision einer neuen Menschheit

  • 1968 gegründet als „Stadt der Morgenröte“.

  • Ein Ort für menschliche Einheit, nachhaltiges Leben und spirituelle Evolution jenseits von Nationen und Religionen.

  • Praktische Umsetzung von Aurobindos Lehre im sozialen Raum.

 

Aurobindos Lehre verknüpft moderne Evolutionstheorien mit innerer spiritueller Entwicklung. Dadurch entsteht ein Verständnis von Evolution, das nicht nur biologische Prozesse umfasst, sondern auch das Wachstum von Bewusstsein und menschlichem Potenzial.

Im weiteren Sinne vermittel sie eine lebensbejahende Spiritualität, die nicht zur Weltflucht führt. Statt Rückzug oder Verneinung des Alltags betont Aurobindo die spirituelle Bedeutung des Handelns in der Welt und die Möglichkeit, das Leben selbst zu transformieren.

 

Zitate

 

„Ein ruhiger Geist bedeutet nicht, dass es keine Gedanken gibt; sie bleiben an der Oberfläche, während du dein wahres Sein dahinter spürst.“

Aurobindo unterscheidet zwischen dem psychischen Wesen (der Seele) und dem mentalen Oberflächenbewusstsein. Ein ruhiger Geist heißt: Gedanken verlieren ihre Macht, dich zu definieren. Du ruhst tiefer als sie.

Missverständnis: Man müsse Gedanken vollständig eliminieren.
Korrektur: Aurobindo spricht von Entidentifikation, nicht von Gedankenstopp.

 

Zitat

„Wenn der Geist still ist, bekommt die Wahrheit die Chance, in der Reinheit der Stille gehört zu werden.“

Stille ist nicht Leere, sondern ein empfänglicher Raum, in dem höhere Intuitionen (supramentale Impulse) durchscheinen können.

Missverständnis: Stille = Passivität.
Korrektur: Stille ist ein aktiver Zustand der Wachheit, nicht Lethargie.

 

Zitat

 

 

 

 

  1. „Ein ruhiger Geist bedeutet nicht, dass es keine Gedanken gibt; sie bleiben an der Oberfläche, während du dein wahres Sein dahinter spürst.“

Aurobindo unterscheidet zwischen dem psychischen Wesen (der Seele) und dem mentalen Oberflächenbewusstsein. Ein ruhiger Geist heißt: Gedanken verlieren ihre Macht, dich zu definieren. Du ruhst tiefer als sie.

Missverständnis: Man müsse Gedanken vollständig eliminieren.
Korrektur: Aurobindo spricht von Entidentifikation, nicht von Gedankenstopp.

 

 

  1. „Wahre Erkenntnis wird nicht durch Denken erlangt. Sie ist das, was du bist; das, was du wirst.“

Erkenntnis ist für ihn kein intellektueller Akt, sondern eine Seinsverwandlung. Wissen entsteht, wenn Bewusstsein sich erweitert, nicht wenn Gedanken sich vermehren.

Missverständnis: Anti-Intellektualismus.
Korrektur: Er meint: Denken ist notwendig, aber nicht hinreichend. Intuition ist eine höhere Ordnung, kein Ersatz.

 

 

 

 

  1. „Wenn der Geist still ist, bekommt die Wahrheit die Chance, in der Reinheit der Stille gehört zu werden.“

Stille ist nicht Leere, sondern ein empfänglicher Raum, in dem höhere Intuitionen (supramentale Impulse) durchscheinen können.

Missverständnis: Stille = Passivität.
Korrektur: Stille ist ein aktiver Zustand der Wachheit, nicht Lethargie.

 

 

 

  1. „Unser eigentlicher Feind ist nicht eine äussere Kraft, sondern unsere eigenen Schwächen, Feigheit, Selbstsucht und Heuchelei.“

Transformation beginnt innen. Aurobindo lehnt Projektion ab: Das „Böse“ ist nicht draussen, sondern in unbewussten Mustern, die erlöst werden müssen.

Missverständnis: Selbstverurteilung.
Korrektur: Aurobindo meint Selbsterkenntnis, nicht moralische Selbstgeisselung.

 

 

 

  1. „Um zu sehen, musst du aufhören, in der Mitte des Bildes zu stehen.“

Egozentrierung verzerrt Wahrnehmung. Erst wenn das Ego zurücktritt, wird Wirklichkeit klar — ein klassischer Schritt im Integralen Yoga.

Missverständnis: Ego muss zerstört werden.
Korrektur: Das Ego wird relativiert, nicht ausgelöscht.

 

 

  1. „Ein zielloses Leben ist immer ein unruhiges Leben. Jeder Mensch sollte ein Ziel haben – und die Qualität deines Ziels bestimmt die Qualität deines Lebens.“

Aurobindo betont teleologische Spiritualität: Der Mensch braucht ein Ziel, das grösser ist als er selbst — idealerweise evolutionär-spirituell.

Missverständnis: Man müsse ein großes spirituelles Ziel haben.
Korrektur: Qualität > Größe. Ein kleines, authentisches Ziel ist wertvoller als ein grandioses, falsches.

 

 

 

 

  1. „Das erste Prinzip wahren Lehrens ist: Nichts kann gelehrt werden.“

Er meint: Der Lehrer kann nur wecken, nicht einfüllen. Wissen wächst von innen, aus der Seele, nicht aus äusserer Belehrung.

Missverständnis: Lehrer sind überflüssig.
Korrektur: Lehrer wecken das innere Wissen — sie sind Katalysatoren, nicht Wissensspender.

 

 

  1. „Die ganze Welt sehnt sich nach Freiheit, doch jedes Wesen liebt seine Ketten.“

Menschen hängen an Gewohnheiten, Identitäten und Sicherheiten. Freiheit ist möglich, aber psychologisch unbequem — daher die Ambivalenz.

Missverständnis: Menschen sind feige oder schlecht.
Korrektur: Aurobindo beschreibt psychologische Trägheit, nicht moralisches Versagen.

 

 

 

  1. „Perfekte Gesundheit, Aufrichtigkeit, Mut, Geduld und Frieden werden besser durch Beispiel gelehrt als durch schöne Worte.“

Transformation ist inkarnierte Wahrheit. Worte ohne Verkörperung sind wertlos.

Missverständnis: Worte seien wertlos.
Korrektur: Worte sind wertvoll — aber nur, wenn sie verkörpert werden.

 

 

 

  1. „Die Evolution des Bewusstseins ist das zentrale Motiv der irdischen Existenz.“

Für Aurobindo ist Evolution nicht biologisch, sondern spirituell: Materie → Leben → Geist → Supermind. Der Mensch ist ein Übergangswesen.

Missverständnis: Spirituelle Evolution sei garantiert.
Korrektur: Evolution ist Möglichkeit, kein Automatismus.

 

 

  1. „Das Leben ist Leben – ob in einer Katze, einem Hund oder einem Menschen. Der Unterschied ist eine menschliche Erfindung.“

Er betont die Einheit des Lebensprinzips. Unterschiede sind graduell, nicht essenziell. Ein ökologisch-spiritischer Gedanke.

Missverständnis: Gleichmacherei aller Lebensformen.
Korrektur: Er spricht von ontologischer Einheit, nicht von identischer Komplexität.

 

 

 

  1. „Liebe ist der Grundton, Freude die Musik, Wissen der Spieler, das Unendliche der Komponist und Zuhörer.“

Eine poetische Beschreibung des kosmischen Spiels (Lila): Das Universum ist Ausdruck göttlicher Freude und Liebe.

Missverständnis: Romantisierung des Universums.
Korrektur: „Liebe“ meint kosmische Ananda, nicht emotionale Sentimentalität.

 

 

  1. „Durch dein Straucheln wird die Welt vollendet.“

Fehler sind Teil der Evolution. Individuelle Krisen tragen zur kollektiven Entwicklung bei. Kein moralischer Dualismus.

Missverständnis: Fehler seien egal.
Korrektur: Fehler sind Material für Wachstum, aber nicht zu idealisieren.

 

 

  1. „Die Seele im Menschen ist grösser als sein Schicksal.“

Das psychische Wesen ist frei und unzerstörbar. Karma bindet nur die äußere Persönlichkeit, nicht die Seele.

Missverständnis: Man könne Karma ignorieren.
Korrektur: Die Seele ist frei, aber die Persönlichkeit ist karmisch gebunden.

 

 

 

  1. „Kümmere dich nicht um Zeit und Erfolg. Spiele deine Rolle, ob sie zum Scheitern oder zum Gelingen führt.“

Er fordert Nishkama Karma: Handeln ohne Anhaftung. Erfolg ist sekundär, Aufrichtigkeit primär.

Missverständnis: Gleichgültigkeit gegenüber Ergebnissen.
Korrektur: Es geht um Nicht-Anhaftung, nicht um Nachlässigkeit.

 

 

  1. „Loslösung ist der Beginn der Meisterschaft.“

Nicht Gleichgültigkeit, sondern innerer Abstand, der klare Wahrnehmung ermöglicht. Erst Distanz schafft Freiheit.

Missverständnis: Emotionale Kälte.
Korrektur: Loslösung ist Klarheit, nicht Abspaltung.

 

 

  1. „Wenn die Vernunft stirbt, wird Weisheit geboren.“

Nicht anti-intellektuell: Er meint, dass Vernunft ihre Grenzen erkennen muss, damit höhere Intuition (Supermind) wirken kann.

Missverständnis: Anti-Rationalismus.
Korrektur: Vernunft muss ihre Grenzen erkennen, nicht aufgegeben werden.

 

 

  1. „Der Grundsatz des Yoga ist die Wandlung aller Kräfte unseres Daseins in Mittel zur Vereinigung mit dem Göttlichen.“

Alles — Körper, Emotionen, Gedanken — wird zum Werkzeug der Transformation. Kein Aspekt des Lebens ist ausgeschlossen.

Missverständnis: Spiritueller Perfektionismus.
Korrektur: Transformation ist ein Prozess, kein sofortiger Anspruch.

 

 

  1. „Frieden ist die erste Bedingung, ohne die nichts anderes stabil sein kann.“

Innere Ruhe ist die Basis jeder spirituellen Arbeit. Ohne Frieden wird Energie chaotisch und ungerichtet.

Missverständnis: Konflikte seien spirituell falsch.
Korrektur: Frieden ist ein innerer Zustand, nicht die Abwesenheit äusser Herausforderungen.

 

 

  1. „Wer das Unendliche wählt, ist vom Unendlichen gewählt worden.“

Der spirituelle Ruf ist wechselseitig: Wenn du dich dem Göttlichen zuwendest, antwortest du auf einen Ruf, der bereits in dir wirkt.

Missverständnis: Spirituelle Auserwähltheit.
Korrektur: Der „Ruf“ ist universell — jeder Mensch trägt ihn in sich.

 

 

 

Wichtige Zitate von Sri Aurobindo

  • "Alles Leben ist Yoga."
  • "Der Mensch ist ein Übergangswesen."
  • "Die grösste Kraft der Erde ist die Liebe."
  • "Die Seele erinnert sich nicht nur an das, was sie erlebt hat, sondern auch an das, was sie in sich trägt."
  • "Das, was wir Gott nennen, ist das, was wir werden wollen."
  • "Die Zukunft der Menschheit liegt in der bewussten Evolution."
  • "Wahre Freiheit ist die Freiheit von Ego und Ignoranz."
  • "Jeder Mensch trägt in sich das Potential für göttliche Verwirklichung."
  • "Das Göttliche ist nicht nur jenseits, sondern auch in der Materie anwesend."