Die Offenbarer Gottes

Moses

Lebenslauf - kurz und gestrafft

Frühe Jahre

Mose kommt in einer Zeit zur Welt, in der sein Volk unter der Last ägyptischer Sklaverei steht. Ein königlicher Erlass fordert den Tod aller neugeborenen hebräischen Jungen. Seine Mutter legt ihn, von verzweifelter Hoffnung getragen, in ein Körbchen aus Schilf und vertraut ihn dem Strom des Nils an. Die Tochter des Pharao findet das Kind, nimmt es an sich und lässt es im Schutz des Palastes aufwachsen. So beginnt ein Leben zwischen zwei Welten: der hebräischen Herkunft und der ägyptischen Hofkultur.

Wendepunkt und Berufung

Als Mose erwachsen ist, sieht er die Ungerechtigkeit, die seinem Volk widerfährt. Nach der Tötung eines ägyptischen Aufsehers flieht er in die Wüste nach Midian. Dort findet er Zuflucht, heiratet Zippora und wird Hirte. In der Stille der Steppe begegnet er dem brennenden Dornbusch – einem Feuer, das nicht verzehrt. Aus dieser Flamme spricht der Ewige zu ihm und ruft ihn zurück nach Ägypten, um die Befreiung seines Volkes zu erwirken. Mose zweifelt an seiner Fähigkeit zu sprechen, doch Gott stellt ihm seinen Bruder Aaron zur Seite.

Befreiung und Führung

Mose tritt vor den Pharao, fordert Freiheit und wird zum Zeugen der zehn Plagen, die das Land erschüttern. Schliesslich führt er die Israeliten aus Ägypten hinaus. Der Weg durch das Schilfmeer – ein Durchzug zwischen Wasserwänden – wird zum Symbol der Befreiung. In der Wüste, am Sinai, empfängt Mose die Zehn Gebote und die Weisungen, die das geistige und soziale Fundament Israels bilden. Er wird zum Vermittler zwischen Gott und Volk, zum Gesetzgeber, zum Hirten einer wandernden Gemeinschaft.

Späte Jahre und Vermächtnis

Vierzig Jahre führt Mose sein Volk durch die Wüste. Er erlebt Aufbrüche, Zweifel, Aufstände und Versöhnungen. Am Ende seines Weges steht er auf dem Berg Nebo und blickt auf das Land, das er selbst nicht mehr betreten wird. Dort stirbt er – ein Prophet, ein Befreier, ein Lehrer. Sein Einfluss reicht weit über die Grenzen Israels hinaus: Er gilt als zentrale Gestalt des Judentums, als bedeutender Prophet im Christentum und Islam, und als geistige Quelle für zahlreiche religiöse Traditionen.

Zeitgemässe Einordnung

Historisch ist Mose schwer zu fassen; viele Wissenschaftler sehen in ihm eine legendäre Gestalt mit möglichem historischen Kern im 13. Jahrhundert v. Chr. Doch unabhängig von der historischen Debatte bleibt seine Wirkung ungebrochen: Er steht für Befreiung, Gesetz, Gemeinschaft – und für die Erfahrung, dass ein einzelner Mensch zwischen göttlichem Ruf und menschlicher Verantwortung eine ganze Kultur prägen kann.

Lehren und Botschaften von Moses

Kernaussage: Die zeitgemässen Lehren von Moses lassen sich als eine spirituelle und ethische Grundordnung verstehen, die Freiheit, Verantwortung, Gerechtigkeit und die Würde jedes Menschen ins Zentrum stellt.

1. Die Würde des Menschen und die Freiheit von Unterdrückung

Moses steht als Gestalt des Exodus für die Überzeugung, dass kein Mensch zur Knechtschaft bestimmt ist.

  • Freiheit als göttliches Recht: Die Befreiung aus Ägypten wird zum Urbild jeder Befreiung aus Unrecht.

  • Widerstand gegen ungerechte Macht: Moses zeigt, dass spirituelle Autorität stärker sein kann als politische Gewalt.

  • Würde und Gleichwertigkeit: Jeder Mensch trägt eine unverlierbare Würde, unabhängig von Herkunft oder Status.

 

In der Gestalt des Moses leuchtet die Überzeugung auf, dass kein Mensch zur Knechtschaft bestimmt ist. Der Exodus erzählt nicht nur eine historische Befreiung, sondern ein geistiges Prinzip: Freiheit ist ein Recht, das aus einer höheren Quelle stammt. Sie ist nicht das Geschenk eines Herrschers, sondern Ausdruck der Würde, die jedem Menschen innewohnt.

Die Befreiung aus Ägypten wird so zum Urbild jeder Loslösung aus Unrecht. Sie zeigt, dass Unterdrückung niemals das letzte Wort haben darf. Wo Menschen sich erheben, um Unrecht zu überwinden, wiederholt sich der Exodus im Inneren der Geschichte.

Moses verkörpert zugleich den Mut zum Widerstand gegen ungerechte Macht. Seine Stimme, getragen von spiritueller Autorität, stellt sich der politischen Gewalt entgegen. In ihm wird sichtbar, dass wahre Stärke nicht aus Waffen oder Herrschaft erwächst, sondern aus der Treue zu einem göttlichen Massstab.

Aus dieser Perspektive ist jeder Mensch Träger einer unverlierbaren Würde – unabhängig von Herkunft, Rang oder Status. Gleichwertigkeit ist kein Ideal, sondern eine Grundbedingung des Menschseins. Wer sie anerkennt, erkennt im anderen ein Gegenüber, das nicht erniedrigt, benutzt oder beherrscht werden darf.

2. Der Bund - Beziehung zwischen Mensch und Gott

Im Zentrum der mosaischen Lehre steht der Gedanke eines Bundes, einer wechselseitigen Beziehung.

  • Gott als Begleiter: Nicht fern, sondern mitgehend, schützend, fordernd.

  • Verantwortung statt blinder Gehorsam: Der Bund ruft den Menschen zu bewusstem, ethischem Handeln.

  • Gemeinschaft statt Individualismus: Der Bund gilt nicht nur Einzelnen, sondern einem ganzen Volk – ein Modell für solidarische Gesellschaften.

 

Der Bund zwischen Mensch und Gott erscheint in der mosaischen Lehre nicht als ein abstraktes Gesetz, sondern als eine lebendige Beziehung. Er beschreibt ein Gegenüber, das den Menschen nicht aus der Ferne beobachtet, sondern ihn begleitet – Schritt für Schritt, durch Licht und Schatten, durch Aufbruch und Zweifel. Gott wird zum Mitgehenden: schützend, fordernd, nah. Seine Nähe ist kein Besitz, sondern ein Ruf.

Dieser Bund verlangt nicht blinden Gehorsam. Er ruft den Menschen dazu auf, bewusst zu handeln, Verantwortung zu übernehmen, ethisch zu entscheiden. Der Mensch wird nicht entmündigt, sondern ernst genommen. Er soll verstehen, prüfen, abwägen – und aus Freiheit heraus das Gute wählen. So wird der Bund zu einem Raum, in dem Würde und Verantwortung einander tragen.

Zugleich ist dieser Bund nie nur Sache des Einzelnen. Er gilt einem ganzen Volk, einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und schützt. Die Umma Israels wird zum Modell einer solidarischen Gesellschaft: nicht isolierte Individuen, sondern Menschen, die füreinander einstehen, die Gerechtigkeit teilen, die Fürsorge leben. Der Bund schafft ein Wir, das grösser ist als jede einzelne Stimme – und doch jede Stimme braucht.

In dieser Verbindung von Nähe, Verantwortung und Gemeinschaft zeigt sich die Tiefe des mosaischen Gedankens: Der Mensch lebt nicht allein vor Gott, sondern gemeinsam mit anderen, getragen von einem Bund, der ihn ruft, stärkt und in die Welt hinein verpflichtet.

 

3. Die Zehn Gebote als moralische Grundordnung

Die Gebote sind keine starre Gesetzessammlung, sondern eine ethische Matrix, die bis heute wirkt.

  • Gott achten: Anerkennung einer höheren Instanz, die Massstab für Gerechtigkeit ist.

  • Leben schützen: Nicht töten, nicht verletzen – die Heiligkeit des Lebens.

  • Treue und Verlässlichkeit: In Beziehungen, im Wort, im Besitz.

  • Wahrhaftigkeit: Kein falsches Zeugnis – Wahrheit als Grundlage jeder Gemeinschaft.

  • Genügsamkeit: Nicht begehren, was anderen gehört – ein Gegenentwurf zu Gier und Vergleichskultur.

Die Zehn Gebote sind keine starre Tafel aus Stein, die nur vergangene Zeiten anspricht. Sie sind eine lebendige Matrix, ein inneres Gefüge von Orientierung, das bis heute in das menschliche Handeln hineinleuchtet. In ihnen klingt ein Ruf nach Würde, nach Klarheit, nach einem Leben, das sich an etwas Grösserem ausrichtet als an blosser Zweckmässigkeit.

Gott achten heisst, eine höhere Instanz anzuerkennen, die Massstab für Gerechtigkeit bleibt, auch wenn menschliche Massstäbe schwanken. Es ist die stille Einsicht, dass wir nicht allein Ursprung und Ziel unseres Handelns sind.

Leben schützen bedeutet, die Heiligkeit des Daseins zu ehren – nicht zu töten, nicht zu verletzen, weder mit der Hand noch mit dem Wort. In jedem Menschen leuchtet ein Funken, der unantastbar ist.

Treue und Verlässlichkeit tragen das Gefüge der Gemeinschaft. In Beziehungen, im gesprochenen Wort, im Umgang mit Besitz zeigt sich, ob wir verlässlich sind – ob wir das, was uns anvertraut wurde, mit Respekt behandeln.

Wahrhaftigkeit ist der Grundton jeder Gemeinschaft. Kein falsches Zeugnis, keine Verzerrung der Wahrheit: Denn wo Wahrheit verletzt wird, verliert die Gemeinschaft ihren inneren Halt.

Genügsamkeit schliesslich ist ein stiller Gegenentwurf zu Gier und Vergleichskultur. Nicht zu begehren, was anderen gehört, heisst, das eigene Leben zu bejahen, ohne ständig nach dem Besitz der anderen zu greifen. Es ist ein Weg zu innerer Freiheit.

So werden die Gebote zu einer Art moralischem Licht: nicht als strenge Vorschrift, sondern als Einladung, das Leben aufrecht, wahrhaftig und mit einem weiten Herzen zu gestalten.

 

4. Der Weg durch die Wüste - Vertrauen und innere Wandlung

Die Wüstenwanderung ist ein Bild für Reifung.

  • Geduld: Grosse Veränderungen brauchen Zeit.

  • Vertrauen: Auch in Unsicherheit gibt es Führung.

  • Gemeinschaft: Der Weg gelingt nur gemeinsam, nicht im Alleingang.

  • Innere Freiheit: Nicht nur äussere Befreiung, sondern Befreiung von Angst, Gier, Misstrauen.

Die Wüste ist mehr als ein Ort. Sie ist ein innerer Raum, in dem ein Mensch reift, weil ihm nichts bleibt ausser sich selbst, seinem Atem und dem leisen Ruf, der ihn weiterführt. Wer durch die Wüste geht, lernt, dass Wandlung nicht im Überfluss geschieht, sondern dort, wo alles Überflüssige abfällt.

In der Stille dieses Weges wächst Geduld. Grosse Veränderungen lassen sich nicht erzwingen; sie entfalten sich wie ein langsamer Morgen, der erst nach vielen Schritten sichtbar wird. Die Wüste lehrt, dass Reifung Zeit braucht – und dass jeder Schritt, auch der mühsame, Teil des Ganzen ist.

Gleichzeitig entsteht Vertrauen. Denn wer sich in der Weite der Unsicherheit bewegt, spürt irgendwann, dass Führung nicht immer laut ist. Manchmal zeigt sie sich nur als feiner Impuls, als Richtung im Inneren, als ein stilles Wissen: Du bist nicht allein.

Doch kein Mensch geht diesen Weg für sich allein. Die Wüste erinnert daran, wie wesentlich Gemeinschaft ist. Manche Strecken lassen sich nur gemeinsam tragen – durch geteilte Last, durch gegenseitige Ermutigung, durch das einfache Wissen, dass ein anderer mit dir geht.

Und schliesslich öffnet sich die tiefste Schicht dieser Reise: die innere Freiheit. Nicht nur Befreiung von äusseren Bindungen, sondern von jenen inneren Fesseln, die das Herz klein halten – Angst, Gier, Misstrauen. In der Wüste lernt der Mensch, sich von dem zu lösen, was ihn eng macht, und Raum zu schaffen für das, was ihn weit werden lässt.

So wird die Wüstenwanderung zu einem Bild für Reifung: ein Weg, der uns nicht nur verändert, sondern uns heimführt in eine grössere, freiere Gestalt unseres eigenen Herzens.

5. Gerechtigkeit und soziale Verantwortung

Moses begründet eine Gesellschaftsordnung, die Schwache schützt.

  • Schutz der Fremden: „Den Fremden sollst du nicht bedrücken“ – ein zeitloser Appell.

  • Schutz der Armen: Gebote zu Schuldenerlass, Ruhezeiten, fairen Arbeitsbedingungen.

  • Schutz der Wahrheit: Gerechte Gerichte, keine Bestechung, keine Verzerrung des Rechts.

In der Gestalt des Moses entsteht eine Gesellschaftsordnung, die nicht auf Macht, Besitz oder Herkunft gründet, sondern auf der Würde der Schwachen. Sein Gesetz ist weniger ein juristisches Regelwerk als ein moralischer Atemzug: eine Erinnerung daran, dass eine Gemeinschaft nur dann wahrhaftig ist, wenn sie die Verletzlichen schützt.

Der Fremde steht dabei an erster Stelle. „Den Fremden sollst du nicht bedrücken“ – dieser Satz ist kein historischer Rest, sondern ein zeitloser Ruf. Er sagt: Wer neu ist, wer anders ist, wer keinen Ort hat, soll nicht Misstrauen ernten, sondern Schutz. Die Gemeinschaft zeigt ihre Reife daran, wie sie denjenigen empfängt, die keine Stimme haben.

Ebenso gilt der Schutz der Armen. Moses verankert Gebote, die Schuldenerlass ermöglichen, Ruhezeiten sichern und faire Arbeitsbedingungen schaffen. Armut wird nicht als persönliches Versagen betrachtet, sondern als Aufgabe der Gemeinschaft. Gerechtigkeit bedeutet hier, Lasten zu teilen und Räume zu schaffen, in denen Menschen wieder aufstehen können.

Schliesslich ist da der Schutz der Wahrheit. Gerechte Gerichte, keine Bestechung, keine Verzerrung des Rechts – Moses macht deutlich, dass Wahrheit nicht verhandelbar ist. Sie ist das Fundament, auf dem jede Gemeinschaft steht. Wo Wahrheit geschützt wird, kann Vertrauen wachsen; wo sie verletzt wird, zerfällt das Gemeinsame.

So entsteht ein Bild von Gerechtigkeit, das nicht kalt und abstrakt ist, sondern warm, menschlich und getragen von Verantwortung füreinander.

 

6. Berufung und Mut

Die Berufung am brennenden Dornbusch zeigt:

  • Mut entsteht oft aus Unsicherheit.

  • Berufung ist kein Privileg, sondern Verantwortung.

  • Spirituelle Erfahrung führt zu konkretem Handeln.

 

Die Szene am brennenden Dornbusch zeigt, wie leise und unscheinbar Mut oft beginnt: nicht als heroische Kraft, sondern als Zittern, als Unsicherheit, als das Gefühl, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Doch gerade dort, im inneren Schwanken, wächst etwas Neues heran — ein Ruf, der nicht auf Stärke wartet, sondern sie hervorbringt.

Berufung erscheint hier nicht als Auszeichnung, die jemanden über andere erhebt. Sie ist vielmehr eine Form von Verantwortung: ein Auftrag, der den Menschen aus seiner Bequemlichkeit herausführt und ihn in Beziehung setzt — zu seinem Volk, zu seiner Zeit, zu dem, was getan werden muss.

Und schliesslich zeigt die Offenbarung, dass echte spirituelle Erfahrung nie im Inneren stehenbleibt. Sie drängt nach aussen, wird zu Handlung, zu Stimme, zu Schritt. Das Feuer im Dornbusch ist kein Ornament, sondern ein Impuls: Wer berührt wird, bewegt sich. Wer hört, antwortet. Wer erkennt, handelt.

So wird Berufung zu einem Weg, auf dem Mut wächst, Verantwortung Gestalt annimmt und das Innere sich in der Welt zeigt.

 

7. Zeitgemässe Zusammenfassung

Die Lehren von Moses lassen sich heute so formulieren:

  • Befreie, wo du befreien kannst.

  • Achte die Würde jedes Menschen.

  • Handle wahrhaftig und gerecht.

  • Pflege Gemeinschaft und Solidarität.

  • Sei verantwortlich vor etwas Grösserem als dir selbst.

  • Wandle dich – und hilf anderen, sich zu wandeln.

Die Lehren von Moses erscheinen heute als ein Ruf zu einem Leben, das Freiheit, Würde und Verantwortung in sich trägt. Sie laden den Menschen ein, überall dort Befreiung zu schenken, wo Unrecht oder Enge das Leben bedrücken. In jedem Gegenüber soll die unverlierbare Würde erkannt und geachtet werden – als Grundlage jeder Begegnung und jedes Handelns.

Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit bilden den inneren Kompass: ein Handeln, das nicht aus Vorteil, Angst oder Berechnung entsteht, sondern aus Klarheit und Aufrichtigkeit. Zugleich erinnern die Lehren daran, dass der Mensch nicht für sich allein lebt. Gemeinschaft und Solidarität sind keine Zugaben, sondern tragende Säulen eines gelingenden Lebens.

Über allem steht die Verantwortung vor etwas Grösserem als dem eigenen Ich – ein Bewusstsein, das den Menschen erdet und zugleich erhebt. Und schliesslich ruft Moses zu innerer Wandlung: zur Bereitschaft, sich selbst zu erneuern, alte Muster zu verlassen und anderen auf ihrem Weg der Veränderung beizustehen.

 

Zitate von Moses oder zu Zeiten, wo Moses gelebt hatte

1. „Gast bin ich in fremdem Land.“ (Exodus 2,22)

Erläuterung: Mose benennt seine existentielle Fremdheit: Er ist Hebräer, wächst aber im ägyptischen Königshaus auf. Dieses Wort zeigt die Spannung seiner Identität – ein Mensch zwischen zwei Welten, der später zum Vermittler zwischen Gott und Volk wird.

2. „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?“ (Exodus 3,11)

Erläuterung: Mose zweifelt an seiner eigenen Würde und Fähigkeit. Die Berufung beginnt nicht mit Stärke, sondern mit Unsicherheit. Spirituell gesehen ist dies der archetypische Moment, in dem ein Mensch erkennt: Die Aufgabe ist größer als das eigene Ego – und gerade deshalb möglich.

3. „Ich bin keiner, der gut reden kann… Mein Mund und meine Zunge sind schwerfällig.“ (Exodus 4,10)

Erläuterung: Mose verweist auf seine Schwäche als Redner. Die Tradition deutet dies als Hinweis darauf, dass Gottes Wirken nicht an menschliche Perfektion gebunden ist. Der Befreier Israels beginnt als jemand, der sich selbst für ungeeignet hält.

4. „Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?“ (Exodus 3,3)

Erläuterung: Der brennende Dornbusch ist das Symbol der göttlichen Präsenz, die brennt, aber nicht zerstört. Moses Staunen markiert den Beginn der Offenbarung: Spiritualität beginnt oft mit Verwunderung, nicht mit Wissen.

5. „Ich-bin-da“ – Gottes Name (Exodus 3,13–15)

Erläuterung: Mose fragt nach Gottes Namen. Die Antwort „Ich-bin-da“ (hebr. Ehjeh ascher ehjeh) ist eine der tiefsten Aussagen der Bibel: Gott definiert sich als Gegenwart, als Sein, als Begleitung. Mose wird zum Träger dieses Namens – zum Vermittler einer Theologie der Nähe.

6. „Fürchtet euch nicht! Gott ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen…“ (Exodus 20,20) 

Erläuterung: Nach der Gabe der Zehn Gebote beruhigt Mose das Volk. Die „Probe“ bedeutet nicht Angst, sondern Bewusstwerdung: Das Gesetz soll nicht knechten, sondern das Herz schärfen.

8. „Lass mich doch deinen Weg wissen! Dann werde ich dich erkennen…“ Exodus 33,13)

Erläuterung: Mose bittet nicht um Macht, sondern um Erkenntnis. Dies ist ein mystisches Gebet: Er will Gottes „Weg“ – nicht nur Gottes „Worte“. Ein archetypisches Motiv der jüdischen und christlichen Mystik.

 

Moses – Pro & Contra

Moses ist eine der einflussreichsten Gestalten der Religionsgeschichte – Befreier, Gesetzgeber, Prophet –, zugleich aber eine Figur, deren historische Konturen umstritten sind und deren Erbe ambivalent bewertet wird.

Pro Moses – Stärken, Verdienste, positive Wirkung

  • Befreier und charismatischer Führer — Die Überlieferung beschreibt Moses als denjenigen, der Israel aus der ägyptischen Knechtschaft führte und damit ein kollektives Identitätsereignis schuf.

  • Gründer einer religiösen Gemeinschaft — Am Sinai vermittelt er den Bund und die Zehn Gebote; damit entsteht die religiöse und rechtliche Grundordnung Israels.

  • Prophet, Priester, Gesetzgeber in einer Person — Moses vereint Rollen, die später getrennt auftreten: Prophet, Vermittler, Richter, Priester, Organisator. Diese einzigartige Kombination erklärt seine herausragende Stellung.

  • Moralische und spirituelle Autorität — Die Tradition betont seine Demut, sein Verständnis für menschliche Schwäche und seine Nähe zu Gott. Er gilt als „grösster der Propheten“.

  • Interreligiöse Bedeutung — Moses ist eine zentrale Figur in Judentum, Christentum und Islam (Mūsā). Seine Gestalt wirkt weit über die ursprüngliche Tradition hinaus.

  • Kulturelle Wirkung — Die mosaischen Gesetze und Erzählungen prägen bis heute Ethik, Recht und Kultur des Westens.

 

Contra Moses – Kritik, Probleme, offene Fragen

  • Historische Unsicherheit — Die Forschung ist uneins, ob Moses als historische Person klar fassbar ist. Einige Gelehrte sehen ihn als historische Gestalt, andere als literarische Verdichtung verschiedener Traditionen.

  • Mythische Überhöhung — Die biblischen Texte zeichnen ein idealisiertes Bild; spätere Traditionen steigern seine Rolle weiter. Historisch gesicherte Daten sind spärlich.

  • Autorenschaft der Tora umstritten — Die traditionelle Zuschreibung der fünf Bücher Mose an ihn gilt wissenschaftlich als nicht haltbar; er hat wohl nur einen kleinen Teil selbst geschrieben.

  • Strenge Gesetzgebung — Die mosaischen Gesetze enthalten harte Strafbestimmungen und soziale Normen, die aus heutiger Sicht problematisch erscheinen.

  • Ambivalente Persönlichkeit — Die Quellen zeigen auch seine Schwächen: Zorn, Zweifel, Widerstand gegen seine Berufung, moralisch schwierige Entscheidungen im Kontext der Wüstenwanderung.

  • Politische Instrumentalisierung — Moses wurde in verschiedenen Epochen als Symbolfigur für nationale, religiöse oder ideologische Zwecke genutzt – oft selektiv und verzerrt.

Synthese – Warum Moses bis heute polarisiert

Moses ist polysemisch, wie die Forschung sagt: eine Figur mit vielen Schichten, Rollen und Interpretationen. Er steht zugleich für Befreiung und Gesetz, für spirituelle Tiefe und politische Ordnung, für historische Unsicherheit und religiöse Gewissheit. Genau diese Spannung macht ihn zu einer Gestalt, die sowohl verehrt als auch kritisch hinterfragt wird.

 

Weitere wichtige Zitate aus dem Judentum

  1. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." - Levitikus 19:18

  2. "Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du nachjagen." - 5. Mose 16:20

  3. "Die Welt steht auf drei Dingen: auf der Tora, dem Gottesdienst und guten Taten." - Pirkei Avot 1:2

  4. "Sprich wenig und tue viel." - Pirkei Avot 1:15

  5. "Wenn ich nicht für mich selbst bin, wer ist dann für mich? Und wenn ich nur für mich selbst bin, was bin ich dann?" - Pirkei Avot 1:14

  6. "Die Worte der Weisen sind wie Nägel, die fest eingeschlagen sind." - Kohelet (Prediger) 12:11

  7. "Ein guter Name ist besser als kostbares Öl." - Kohelet (Prediger) 7:1

  8. "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt." - Talmud, Sanhedrin 37a

  9. "Handle stets nach der Weisheit deines Herzens." - Sprüche 23:19

  10. "Der Mensch denkt, aber Gott lenkt." - Talmud, Berachot 33b

  11. "Die Tora ist ein Baum des Lebens für die, die sich an sie halten." - Sprüche 3:18

  12. "Gott ist nahe allen, die ihn anrufen." - Psalm 145:18

  13. "Sei stark und mutig, fürchte dich nicht und hab keine Angst." - Josua 1:9

  14. "Die Wahrheit wird euch frei machen." - Johannes 8:32

  15. "Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen." - 1. Mose 1:27

  16. "Gott ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." - Psalm 23:1

  17. "Liebe deinen Feind." - Exodus 23:4

  18. "Gerechtigkeit erhebt eine Nation, aber Sünde ist eine Schande für jedes Volk." - Sprüche 14:34

  19. "Gib einem Menschen einen Fisch und er hat einen Tag lang zu essen. Lehre ihn zu fischen und er hat ein Leben lang zu essen." - Maimonides

  20. "Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn." - Sprüche 9:10